Südwestpresse vom 17.01.2003

Graffiti bei den alten Römern: Zwischen spontaner Kritzelei und kunstvollem Bild
Manch ein Zecher nahm die Wand als Gästebuch


In der Antike gehörten Ritzzeichnungen im Privathaus wie im Stadion zur Alltagskultur

Graffiti sind keineswegs eine Erfindung von Künstlern und Kids unserer Zeit. Schon die alten Römer verzierten den Putz feiner Esszimmer oder Säulen mit vulgären Sprüchen, Spottbildern oder auch kunstvollen Zeichnungen. Es gibt eine neue wissenschaftliche Arbeit darüber.

WOLFGANG LÖHLEIN

Sprühnebel aus einer Farbspraydose oder bunte Filzstifte standen im alten Rom freilich nicht zur Verfügung. Die Erfinder des Grafitto gingen mit Nägeln, Messern und anderem spitzen Gerät zu Werke. In einer Dissertation über "Antike Graffitizeichnungen, ihre Motive, Gestaltung und Bedeutung" hat der Göttinger Archäologe Martin Langner über 2500 dieser Ritzungen zusammengestellt und wissenschaftlich ausgewertet.

Diese Ritzzeichnungen waren seit dem 19. Jahrhundert immer wieder Gegenstand gelehrter Abhandlungen. Doch galten den klassischen Archäologen solche "Kritzeleien" meist nicht als Teil der hehren römischen Kunst. So konnte Langner, der erstmals sämtliche Text- wie auch alle zeichnerischen Graffiti aufnahm, nur noch einen Bruchteil davon im Original untersuchen. Allein in Pompeji sind nur noch zehn Prozent der 1972 im Corpus Inscriptionum Latinarum wiedergegebenen Graffiti erhalten.

Dabei vermitteln die Ritzungen ein äußerst lebendiges Bild antiker Lebenswirklichkeit, das sicher dazu angetan wäre, etwa Schülern im Geschichts- oder Lateinunterricht nicht nur Spaß, sondern auch so manchen Wiedererkennungseffekt zu vermitteln. Denn bis auf den heute ungewöhnlichen Namen könnte etwa die Inschrift "Paris war hier" (Paris hic fuit) auch jede Schulbank schmücken. So bereitet es den Archäologen mitunter auch Schwierigkeiten, Ritzungen aus römischer Zeit von solchen heutiger Besucher zu unterscheiden, wenn sie ein- und dieselbe Wand zieren. Nur breite, tiefe Rillen, die meist von modernen Hausschlüsseln herrühren, können von den feinen Ritzlinien antiker Urheber eindeutig unterschieden werden.

Eben diese dünnen Linien, die im Putz farbig getünchter Wände nur aus der Nähe zu erkennen sind und die den Gesamteindruck des oft aufwendigen Dekors römischer Wohn- oder Gelagezimmer nicht störten, unterscheiden antike Graffiti von modernen, mit Spraydose oder Filzschreiber angebrachten. Antike Ritzungen als Verletzungen von Zimmer- oder Hauswänden anzusehen, ist nach Langner eine eindeutig moderne Sichtweise. Vielmehr scheint es bei manchen römischen Gastgebern durchaus üblich gewesen zu sein, nach dem Gelage die Wand sozusagen als Gästebuch zur Verfügung zu stellen, indem man die Besucher einen Spruch hineinkratzen ließ. Der weitaus beliebteste lautet: "Wir kamen sehr gerne hierher, noch lieber wollen wir nun wieder gehen" (Venimus hoc cupidi, multo magis ire cupido). Andere Hausherren dagegen zogen solch spontanen Äußerungen beherbergter Zecher kunstvolle Zeichnungen vor. So zeigt ein im provencalischen Cucuron ausgestellter Wandputz ein eingeritztes Frachtschiff mit geblähten Segeln und vollständiger Takelage, das sogar genauen Aufschluss über die einstmalige Segelweise solcher Schiffe geben kann.

Im Feld zwischen spontaner Kritzelei und kunstvoller Zeichnung sind die römischen Graffitizeichnungen angelegt. Wie Langner herausarbeitet, überwiegt jedoch ganz offensichtlich der Anteil spontan angebrachter Ritzungen. Vulgäre Inschriften, vielfach diffamierenden Inhalts, wurden nicht, wie heute üblich, in der Anonymität von Toiletten oder versteckten Ecken angebracht, sondern in der Regel gut sichtbar an den Außenwänden von Gebäuden. Sie zeigen, dass man sich über Sexuelles häufig in recht deftiger Sprache geäußert hat - über alle Schichten hinweg.

Jedenfalls unterscheidet sich das vulgäre Vokabular nicht von dem großer Schriftsteller wie Martial, Juvenal oder Catull. Lediglich die prägnante Kürze der Sprüche wie "Myrtis, du bläst gut!" (Murtis, bene felas) erinnert nicht eben an die literarischen Bearbeitungen derselben Themen.
Diffamierungen von Mitbürgern erfolgten nicht allein in verbaler Form, häufig trat noch ein flüchtig geritztes Spottbild hinzu. Doch erst in Kombination mit Namensbeischriften gewannen Kahlköpfe, Langnasen oder anderweitig überzeichnete Profile für den Betrachter ihren spöttischen Charakter. Denn in der Regel waren die Urheber künstlerisch überfordert, die Züge eines Individuums unverkennbar wiederzugeben.
Durch Nennung des Namens wurden auch Bilder von Sportlern oder Gladiatoren ergänzt. Bei manchen Gladiatoren ist sogar ihre Erfolgsbilanz oder die Anzahl absolvierter Kämpfe angegeben. Neben Einzeldarstellungen der Kämpfer geben zahlreiche Graffiti Kampfszenen wieder und damit die Begeisterung der Römer an der Action.

Wesentlich beschaulichere Motive repräsentiert die große Zahl an Tierdarstellungen. Neben sehr geübt wirkenden, naturgetreuen Darstellungen zeigen einfachere Bilder von Tieren zudem deutlich, dass die Graffiteure einen Formenvorrat besaßen, der es ihnen erlaubte, schnell ein gelungenes Bild herzustellen. Darüber hinaus reichte es bei fehlendem Geschick ohne weiteres, etwa einen Vogel durch zwei Beine, Schnabel und vielleicht noch Flügel unmissverständlich zu charakterisieren. Bisweilen erinnern die dabei erfolgten formalen Reduktionen an Motive moderner Kunst.

Die Bildersprache römischer Graffiti ist vom heutigen Standpunkt aus nicht einfach zu beurteilen. Zu sehr sind unsere Vorstellungen mit moderner Graffitikunst verbunden, als Teil subkultureller Kommunikation und Ausdruck eines Protestwillens. Die Bilderwelten der heutigen Graffitiszene sind dabei in einem Maße internationalisiert, dass die Stylings ortsunabhängig und in New York genauso hip sind wie in Bratislava oder Oslo.

Ausbreitung im Mittelalter

Grundverschieden erscheinen da die antiken Ritzzeichnungen. Sie waren Bestandteil eines Breitenphänomens, ja Teil einer Alltagskultur. Die Bildinhalte sind auf wenige Motive beschränkt und variieren populäre Themen. Sie waren geeignet, die Atmosphäre geselliger Orte zu steigern, und so mancher Kneipenwirt versuchte durch Anbringung von Ritzzeichnungen mehr Gäste in seine Taberna zu locken.
Zum öffentlichen Ärgernis wurden Graffiti erst ab dem Mittelalter, als adelige Pilgerscharen um ihre Präsenz an heiligen Orten des Christentums magisch zu verlängern, zuhauf ihre Wappen oder Namen dort hinterließen und den Heiligenfiguren oder Reliquien zu Leibe rückten ganz nach dem Motto: je exponierter desto besser.

Martin Langner: Antike Graffitizeichnungen. Motive, Gestaltung und Bedeutung; Dr. Ludwig Reichert Verlag, Wiesbaden, 170 Textseiten, 173 Abb., CD-ROM, 49,90 Euro.

Populärwissenschaftlich zu römischen Textgraffiti: Karl-Wilhelm Weeber: Decius war hier. Das Beste aus der römischen Graffiti-Szene; Artemis & Winkler Verlag, Zürich/Düsseldorf, 176 S.