Antike Welt 6/2003, S. 659-664.

Wolfgang Löhlein

Wenn Wilhelm II. statt seines Szepters den Spaten schwang

Majestät brauchen Scherben

Der letzte deutsche Kaiser zeigte außergewöhnliches Interesse an Fragen der Altertumswissenschaften, speziell der Archäologie.

Bereits seinen Zeitgenossen galt Wilhelm II. als unbescheidener Dilettant, der glaubte sich in allen möglichen Bereichen auszukennen und zu allem und jedem ein Urteil abgeben zu müssen. Der Historiker John C. G. Röhl schreibt, der Kaiser griff „von jedem Selbstzweifel ungetrübt, [...] kraftvoll in Naturwissenschaft und Technik, Schiffs- und Kanalbau, Architektur, Denkmalsgestaltung, Bildhauerei und Malerei, Kostüm- und Bühnenbildentwurf, Musik, Kunsthandwerk und Gartenbau“ ein. „Er komponierte Lieder, zeichnete Bilder und entwarf eigenhändig neue Uniformen für die Marine, die Jagd und die Schutztruppen in Übersee.“ Die Archäologie jedoch galt gemeinhin als sein besonderes Steckenpferd.

Gegenüber dem Berliner Archäologen Professor Georg Karo bekannte er 1914, anlässlich der Ausgrabung eines griechischen Tempels auf Korfu: „Es ist sehr gut möglich, dass die Vorsehung mich, obwohl ich Laie bin, dazu ausersehen hat, der Archäologie neue Wege zu weisen.“

Hat man in dieser Äußerung gegenüber einem der führenden Fachvertreter lediglich eine der häufig kolportierten Anmaßungen ‚Seiner Majestät‘ zu sehen, oder kommt darin besondere Begeisterung und Leidenschaft für die Sache zum Ausdruck? Hatte der Monarch tieferen Einblick in die Altertumswissenschaften, vielleicht sogar wissenschaftlich fundierte Kenntnis, oder ging gelegentlich die Phantasie mit ihm durch? Um solchen Fragen nachzugehen, sind verschiedene Facetten seiner Archäologiebegeisterung, aber auch seiner oft widersprüchlichen Person näher zu betrachten.


Als der Kaiser noch Prinz war

Das besondere Verhältnis Wilhelms II. von Preußen zur Archäologie geht vermutlich auf den Einfluss seines Vaters zurück, dessen Lehrer der Archäologe Ernst Curtius (1814-1896), der spätere Ausgräber Olympias war. Friedrich Wilhelm genügte es nicht, daß sein Sproß die Reihe besonders prominenter Arbeiten der Antike kannte, wie sie damals den meisten gebildeten Menschen geläufig war. Er nahm den Kronprinzen auch mit zu Ausstellungen und den sonntäglichen Besuchen in der Skulpturengalerie des Alten Museums in Berlin, wo deren Direktor Karl Bötticher (1806-1899) regelmäßig Vorträge hielt. Las der junge Kronprinz in der Ilias, standen vor ihm Tonfiguren der Hauptdarsteller Patroklos und Achill, die sein Vater ihm geschenkt hatte.

Mit Freude kehrte Wilhelm auch nach der Thronbesteigung immer wieder zum nahe des hohenzollerischen Sommersitzes in Bad Homburg gelegenen Römerkastell Saalburg zurück, das er als Kaiser mit Beschluss vom 18.10.1897 rekonstruieren und wieder aufbauen ließ. Dort hatte er im August des Jahres 1878 zusammen mit seinen Geschwistern und seiner Mutter als 19-jähriger erstmals an einer archäologischen Ausgrabung teilgenommen. Die Aufdeckung eines römischen Kellers und von fünf Brandgräbern erbrachte eine stattliche Anzahl von Funden, worüber Unterlagen im Archiv des Saalburgmuseums Auskunft geben. Neben feinem Tongeschirr handelte es sich um verschiedene Metallfunde und drei Münzen.

Weitere Grabungsteilnahmen des Prinzen sind nicht überliefert. Durchaus jedoch solche seiner Familie, die sich bisweilen mit Besuchern oder Teilen des Hofstaates auf der Saalburg vergnügten. So schildert die englische Zofe Anne Topham:

„Anlässlich dieser ‚digging parties’ [...] konnte ein eigentümlicher Zug deutschen Humors studiert werden. So wurden oft excellente Nachbildungen aus Schokolade von Gefäßscherben oder eines römischen Dolches in die Erde gelegt, die der eifrige Finder im Gefühl einen bedeutenden Fund gemacht zu haben, feierlich vor versammelter Mannschaft von Erde frei waschen wollte. Dabei entfernte er jedoch zu seinem Ärger nicht nur den anhaftenden Schmutz, sondern die gesamte Antiquität löste sich auf und offenbarte so den bösen Scherz.“

An solchen ‚digging parties‘ auf der Saalburg nahm Wilhelm II. selbst nicht teil.

Ein ‚heroisches Zeitalter’ der Archäologie

Nach seiner Krönung zum deutschen Kaiser 1888, trat Wilhelm II. als großzügiger Förderer der deutschen Archäologie in Erscheinung, was Vertreter des Faches noch heute dazu bewegt, ihn als eine „große Persönlichkeit des Historismus“ zu feiern, der es zu verdanken sei, dass seine Regierungszeit „mit Fug und Recht als das ‚Heroische Zeitalter’ der akademischen Altertumsforschung in Deutschland“ betrachtet werden müsse.

Angesichts seiner zahlreichen Unterstützung archäologischer Untersuchungen im Inland wird deutlich, dass Wilhelms Gunst ganz überwiegend Ausgrabungen römischer Altertümer galt. Dies war Ausdruck seines Kunstverständnisses, das, wie in der sogenannten ‚Rinnsteinrede‘ zum Ausdruck gebracht, gegen jede moderne Strömung in der Kultur war und Kunst stets am Ideal der klassischen Antike maß.

Ein besonderes Augenmerk des Kaisers galt auch der Assyriologie, „weil von ihr eine Belebung und Beleuchtung des alten Testaments, also der Heiligen Schrift zu erwarten war“. So übernahm Wilhelm 1901 den Vorsitz der Deutschen Orient-Gesellschaft, für die er jährlich 20 000 Mark an privaten Mitteln zuschoss. Kaiserliche Telegramme sowie Besuche der Sitzungen der Gesellschaft bezeugen das anhaltende Interesse des Monarchen.

Der Kaiser – ganz Kind seiner Zeit – war zudem der Überzeugung, daß die Wurzeln der griechischen und so auch der zentraleuropäischen Kultur im Orient zu suchen seien, die man auch „dort freilegen müsse“. So unterstützte er deutsche Grabungen unter anderem in Babylon, Baalbek, Ninive und Assur. Dabei schien Wilhelm II. sich mit Thesen identifiziert zu haben, wonach eine Präsenz deutscher Wissenschaft in einer Art internationalem Ausgrabungswettlauf unabdingbar sei. Schließlich zeigten auch die anderen imperialen Mächte so ihre Präsenz vor dem Hintergrund weltweiter Konkurrenz. Und nicht selten bereiteten Altertumsforscher im Ausland vor Ort den Weg für weitere koloniale Einflußnahmen. Auch dies ein Aspekt kaiserlicher Archäologiebegeisterung, die sich unter anderem darin niederschlug, daß Deutschland seine archäologischen Vertretungen im Ausland während Wilhelms Regentschaft kräftig ausbaute.

Der Kaiser als Ausgräber

Der für Wilhelm II. eindrücklichste Kontakt zur Archäologie war fraglos die Ausgrabung eines Artemistempels auf Korfu. In seinen 1924 erschienenen ‚Erinnerungen an Korfu’ schildert der Kaiser die Auffindung eines monumentalen Reliefs mit bewegten Worten:

„Die Arbeiter machten Pause zum Essen, die ‚Kabinette‘ und das ‚Auswärtige Amt‘ rüsteten sich zur Heimfahrt. Allein ich blieb, das Archäologenfieber hatte mich mächtig gepackt. Ich stellte den Herren frei, nach Hause zum Essen zu fahren, aber auch sie beschlossen, zu bleiben. Ihre Majestät [die Kaiserin], hiervon benachrichtigt, schickte Körbe mit Speise und Trank herab. Ich selbst nahm nichts. Unverdrossen, immer wieder unter den Stein fühlend, wacht ich neben ihm, und die Konjekturen und Kombinationen wuchsen wie Pilze aus der Erde empor. Lange Locken? Was konnte das bedeuten?

Nach der Mittagspause wurde weitergearbeitet. Die Platte wurde beim Freilegen immer größer und lag schräg im Boden, so daß von zwei Seiten gegraben und eine recht ansehnliche Grube ausgehoben werden mußte. Stunde um Stunde verrann. Die Herren hatten schon Taschentücher über den Köpfen, einzelne hatten sich auch Sonnenschirme besorgt. Endlich gegen abend war die große Platte ganz von Erde befreit und konnte aufgerichtet werden. Mit vielem Gerede und nach etlichen mißglückten Versuchen gelang es bei einigem energischem Zureden den vereinten Kräften aller Arbeiter, die Platte aufzurichten und umzulegen. Welch ein Anblick! In mächtiger Größe, in der üblichen Darstellung des archaischen Knielaufs, grinst alle die zähnefletschende Gorgo oder Medusa an, hohnlachend ihre Zunge ausstreckend. Schlangen im Haar, Schlangen um den Leib und von Schlangen umgeben, ein scheußliches Ungetüm. Wenn das keine spätere, absichtlich archaisch gehaltene Arbeit war, dann, so meinte ich, habe man etwas sehr Altes und Wertvolles gefunden. Sehr angeregt kehrte man zum Abendessen heim.“

Die Genehmigung die Ausgrabungen des Artemistempels auf Korfu unter deutscher Leitung durchführen zu können, erteilte der griechische König während des Osterfestes 1911. Obgleich ihn der deutsche Souverän wenige Wochen zuvor dadurch brüskiert hatte, dass er ihm ausrichten liess er solle doch bitte besser noch etwas länger als beabsichtigt in Athen bleiben, da er, der deutsche Kaiser, auf Korfu anfangs „lieber allein sein“ wolle.

Nachdem Wilhelm II. die Grabungserlaubnis erhalten hatte, widmete er sich der Aufdeckung des Tempels mit größtem Eifer. So berichtet Admiral v. Müller (1854-1940), der auf Korfu zum kaiserlichen Gefolge gehörte, daß er sich „mit einem kleinen Spaten ausgerüstet, persönlich [...], in Gegenwart seines Dieners und vieler Corfioten, für die diese Art kaiserlicher Betätigung etwas ganz Neues war, an den Arbeiten beteiligte“.

Zeitzeugen schildern ihn als „unermüdlich im Erklären des Gefundenen.“ Auch maß er „mit seinem Spazierstocke, auf dem ein Metermaß eingeritzt war, die Größe der gefundenen Stücke“ und „gab die Richtung an, in der gegraben werden sollte“.

Sofort nachdem das große Relief der Gorgo ans Licht gekommen war, kabelte Wilhelm eine Depesche an die Generaldirektion der Deutschen Museen in Berlin, in der er über den Fund berichtete und auch einige der früheren Funde aufzählt.

Für Fundvergleiche bemühte der Kaiser den Mitarbeiter des Archäologischen Institutes in Athen, Georg Karo (1872-1963). Friedrich v. Duhn (1851-1930) aus Heidelberg, schreibt er, hat „uns mit sehr regem Interesse in unseren Forschungen angemuntert, unterstützt und auch die vorläufigen Hypothesen über den Tempel, die Gorgo, ihr mögliches Alter usw. bestätigt und seinerseits angenommen“.

Um den sachgerechten Fortgang der Ausgrabungen selbst zu sichern, beorderte der Kaiser seinen namhaftesten Archäologen, Wilhelm Dörpfeld (1853-1940), den damaligen Leiter des Deutschen Archäologischen Instituts in Athen und früheren Mitarbeiter Heinrich Schliemanns zu den Ausgrabungen nach Korfu.

Für die illustre Schar deutscher Archäologen war es selbstverständlich eine Ehre dem Herrscher zu Diensten zu sein. Sicher auch weil bekannt war, daß alle, die für ihr eigenes oder das Fortkommen ihrer Projekte sorgen wollten, dazu gezwungen waren, um das Wohlwollen des Monarchen zu werben. Hatte man die Unterstützung des Kaisers, so konnte man sich nicht nur gegen berufliche Konkurrenz, sondern häufig auch gegenüber Vorgesetzten durchsetzen. Wie einige Archäologen-Biografien des Kaiserreichs zeigen, währten des Herrschers Gunstbezeugungen mitunter sehr lange und ermöglichten auch Seiteneinsteigern glänzende Karrieren. Solche Konkurrenz im Werben um kaiserliche Fürsprache, damit man beruflich oder gesellschaftlich vorwärts kam, bezeichnete der Soziologe Norbert Elias als ‚Königsmechanismus‘. Kritische Töne oder gar offener Widerspruch seitens der Wissenschaft waren für den Kaiser nicht nur untragbar, sondern wurden auch umgehend sanktioniert. So galt es als ausserordentlich gewagt, daß Theodor Mommsen (1817-1903) „als er, nach Besichtigung der Saalburg des Kaisers Bewunderung für Roms Cäsaren als Gast an seiner Tafel mit Spott zurückwies“. Daraufhin wurde der Althistoriker auch nie wieder an den kaiserlichen Hof geladen.

Kritik an Wilhelms Ausgrabungen

In der deutschen Öffentlichkeit erregte die heftige Leidenschaft des Kaisers für die Ausgrabungen auf Korfu Unmut. Denn die sommerlichen Aufenthalte auf der griechischen Insel verschlangen Unsummen. Renovierung und Einrichtung des 1907 erworbenen Anwesens ‚Achilleion‘,in dem zuvor die österreichische Kaiserin Sissi residierte, beliefen sich laut der amerikanischen Historikerin Isabel Hull auf rund 600.000 Mark. Die Kosten für den jährlichen Unterhalt auf 50.000 Mark. Zusätzlich fielen Reisekosten für hunderte von Dienern, Beamten und Gästen an, sowie Kosten für 5 PKW. Angesichts dieser kaiserlichen Prasserei quittierte Hausminister Wedel-Piesdorf unter Protest den Dienst.

Auch um die Stimmung innerhalb der Hofgesellschaft war es nicht zum besten bestellt. Denn nachdem der anfängliche Reiz archäologischer Ausgrabungen verflogen war, folgte man dem kaiserlichen Hobby immer unwilliger. Hull zitiert in ihrer Arbeit ‚The Entourage of Kaiser Wilhelm II‘ verschiedene Tagebucheintragungen oder Briefe, die den Missmut der Mitreisenden zum Ausdruck bringen:
„1914 schrieb Plessen [Generaladjutant Wilhelms II.] an Fürstenberg über den Korfu-Aufenthalt, ein Tag verginge wie der andere.
Admiral Müller beendete ebenfalls 1914 seine Tagebucheintragungen mit den Bemerkungen der Korfu-Aufenthalt gestalte sich ausgesprochen ‚stumpfsinnig‘.
In einem Brief an Tirpitz klagt Müller, die Rücksichtslosigkeit und der Egoismus des Kaisers, die nur von seinem Bemühen jede Arbeit zu meiden übertroffen würden, lasteten wie ein Alpdruck auf allen Anwesenden. Wilhelm konzentriere sich ganz auf die Ausgrabung der ‚jämmerlich erhaltenen Tempelruinen‘ und verlange von seiner Umgebung es ihm gleich zu tun. Allerdings täten dies die wenigsten aus innerer Überzeugung und nur wenige hielten es für nötig auch nur einen interessierten Eindruck zu vermitteln.“

In der Heimat rief der Enthusiasmus des Regenten für die Ausgrabungen auch Befremden hervor, da man der Meinung war, der politische Führer einer der mächtigsten Nationen Europas habe anderes zu tun, als über Gorgoreliefs und Scherben zu brüten. So notierte Baronin v. Spitzemberg in ihrem Tagebuch:
„Ich besuchte Bethmanns (Theobald v. Bethmann Hollweg 1856-1921, 1909-1917 Reichskanzler). Er meinte die Ausgrabungen seien schon recht, aber sie würden uns ein Heidengeld kosten (deshalb hat der schlaue König Georg dem Kaiser das Recht der Buddelei ja verliehen!), und nun sei S[eine] .M[ajestät] so ausschließlich von diesem Interesse erfüllt, daß er Marokko, Mexiko, Türkei, gar die inneren brennenden Fragen als quantités négligeables behandle. ‚Freilich‘, meinte Bethmann ironisch, ‚noch übler wäre es, wenn er so leidenschaftlich wie für die Gorgo sich für Marokko interessierte!‘“

Inwiefern Kaiser Wilhelm II. sich den Altertumswissenschaften tatsächlich ausserordentlich kenntnisreich oder gar auf wissenschaftlichem Niveau widmete, darüber gehen die Meinungen bis heute auseinander.

Der Kaiser ein Wissenschaftler?

Robert Graf von Zedlitz-Trütschler (1837-1914), Hofmarschall des Kaisers, schrieb in seinem Tagebuch unter Datum vom 4. Februar 1910 über Wilhelm II.:
„ Er nimmt Gelegenheit, über die verschiedensten Themata sich sehr eingehend und sachlich zu äußern. Teils haben kurz vorher durch den Reichskanzler, den Geh[eimen] Kabinettschef oder andere hohe Beamte, Männer der Wissenschaft, Kunst oder des Handels Vorträge stattgehabt, die er sich wundervoll anzueignen versteht, teils hat er interessante Berichte seiner diplomatischen Vertreter gelesen. Alles dies liebt er nun vor anderen Menschen in glänzender und geschickter Weise als seine eigene Geistesarbeit und Ansicht zu produzieren. Damit imponiert er Höchstgestellten, bedeutenden Künstlern und Gelehrten mehr und länger als man eigentlich verstehen kann, da ihnen nur selten klar wird, wieviel von all diesem Wissen nur Transitgut ist. [...] So merken sie nicht oder wollen nicht merken, daß die anscheinende Gründlichkeit in Erforschung wissenschaftlicher Dinge, in Erfassung künstlerischer Werte, in Behandlung politischer Fragen nur angelernt und oberflächlich ist. Der Kaiser dringt nie in das innere Wesen der Dinge [...].“

Gelten diese Ausführungen des Hofmarschalls auch für des Kaisers Zugang zu den Geschichts- und Altertumswissenschaften? Schließlich stammen angeblich insgesamt sechs Monografien zu diesem Themengebiet aus seiner Feder.

Ein Blick in die einschlägige Literatur läßt an des Kaisers alleiniger Urheberschaft zumindest gewisse Zweifel aufkommen. So hatte an der Abfassung der Schrift ‚Erinnerungen an Korfu‘ der Ausgräber Wilhelm Dörpfeld in ganz erheblichem Maße Anteil. Die Aufgabe, das Manuskript „auf technische Einzelheiten durchzusehen“, oblag Herrn Zimmermann, einem Mitarbeiter des herausgebenden Schelerschen Verlages. Die ‚Studien zu Gorgo‘ entstanden unter eifriger Mithilfe des Ethnologen Leo Frobenius (1873-1938). Die Arbeit ‚Vergleichende Geschichtstabellen von 1878-1914‘ verfasste der Adjutant des Exkaisers im niederländischen Exil, Sigurd von Ilsemann. Für die ‚Vergleichenden Zeittafeln der Vor- und Frühgeschichte Vorderasiens, Ägyptens und der Mittelmeerländer‘ arbeitete Professor Böhl aus Leiden zu. Die Ausführungen zu ‚Ursprung und Anwendung des Baldachins‘ bezeichnet Oswald Gschliesser „in der Hauptsache (als) ein Werk des Hofmarschalls des Exkaisers, Graf Schwerin“.

Betrachtet man hingegen den Inhalt weiter Passagen einiger kaiserlicher Abhandlungen, so spricht wiederum vieles zumindest für eine starke Einflussnahme des Monarchen, wenn nicht seine Autorenschaft. Besonders auffällig ist der starke Bezug einiger Arbeiten zum Hause Hohenzollern oder gar zur Person Wilhelms II.

Für ihn, der von seinem Gottesgnadentum überzeugt war, stand es außer Frage, daß die Hohenzollern in einer Reihe zu nennen seien mit den Großen der Weltgeschichte. So leitete er sachlich völlig unhaltbar in ‚Das Königtum im alten Mesopotamien‘ die Idee des Gottkönigtums von den Persern über die altbabylonischen Fürsten und letzten assyrischen Könige über Alexander den Großen und die Diadochen weiter über das Imperium Romanum, auf das Heilige Römische Reich Deutscher Nation ab. Um abschließend zu bemerken, bei seinen Vorfahren sei anstelle des Gottkönigtums dann das christliche Ethos getreten. Und schließlich habe er den an das Haus Hohenzollern übertragenen „historischen, tragischen Auftrag“ insbesondere auf dem Gebiet der sozialen Fürsorge erfüllt.

Neben solcher Geschichtsklitterung versuchte sich der Kaiser auch in Detailstudien, wie in ‚ Studien zu Gorgo‘, wo er, wie Oswald Gschliesser meint, „anhand einer Reihe von Abbildungen erstaunliche Beziehungen in der Form vorgriechischer Steintempel und indonesischer sowie polynesischer Pfahlbauten“ feststellt und zum Schluß kommt, „daß die Bauten der Vorzeit nicht so sehr von Zweckmäßigkeit bestimmt, sondern Ausdruck mythologischer Vorstellungen seien.“ Solche Sichtweise entsprach des Kaisers mythisch bis mythologisch geprägter Phantasie, die sich auch im Alltag immer wieder Bahn brach.

Etwa als er aus Bewunderung für die mythenreiche Geschichte der Skandinavier den Norwegern ein gewaltig dimensioniertes Denkmal ihres Nationalhelden Fritjof schenkte. Oder für seine korfioter Residenz eine über 10 m hohe Kolossalstatue mit Titel ‚Siegreicher Achill‘ anfertigen ließ. Dabei spielte für den Archäologiebegeisterten keine Rolle, daß Haltung und Blickrichtung der Statue an frühhellenistische Arbeiten erinnert, während sie einen attischen Helm und einen römischen Panzer trägt.

Schliemanns Erbe

Wilhelm II., wegen seiner Sprunghaftigkeit auch ‚Wilhelm der Plötzliche‘ genannt, gilt als Herrscher, der, immer auf Ablenkung sinnend, sich kaum je einer Sache länger widmete. Ausnahmen waren insbesondere die Schifffahrt und die Archäologie. Dabei kann nur schwer bestimmt werden, was der innere Antrieb für den Kaiser war, sich mit der Altertumswissenschaft auseinander zu setzen.

Bekannt ist, dass Wilhelm bereits als Junge für Heinrich Schliemann schwärmte, der das Bild des Archäologen in der Öffentlichkeit bis heute prägt. Es scheint, als hätte der Kaiser bei seinen Ausgrabungen auf Korfu den Entdecker des sagenhaften Troja ständig vor Augen gehabt. Denn folgt man seinen Ausführungen, so war auch er wie Schliemann getrieben, sich einen Jugendtraum zu erfüllen. Nämlich „die ‚Brücke‘ zwischen der griechischen Kunst und dem Orient zu finden oder finden zu helfen“. Welch breiten Raum der Mythos Schliemann in den Vorstellungen des Monarchen einnahm, wird unter anderem in der Hinzuziehung dessen Mitarbeiters Wilhelm Dörpfeld zu den Ausgrabungen auf Korfu deutlich. Durch diese Personenwahl sollte wohl etwas vom Glanz des legendären Archäologen auf die kaiserlichen Unternehmungen fallen. Und um die geeignete Stimmung für ‚seine Ausgrabung‘ aufkommen zu lassen, inszenierte Wilhelm II. Ausflüge mit Dörpfeld auf seiner Yacht ‚Hohenzollern‘. Der Archäologe musste mit ihm nach der Insel Leukas reisen, die Dörpfeld für das antike Ithaka hielt, und „mit dem Homer als ‚Bädeker‘ in der Hand auf Grund der genauen geographischen Beschreibungen Homers, die Gegend erkennend“ wiederfinden. Ganz wie es der Mythos von Schliemann schildert, der nur aufgrund seiner pragmatischen Homerlektüre Troja und Mykene fand.

Im Banne der archäologischen Ausgrabungen auf Korfu mag der Monarch einen Tagtraum gelebt haben. Er war dem „Hellenentum der Antike“ nahe, auf dessen Kultur er die deutsche aufgebaut sah. Und er war in die Rolle des Spatenwissenschaftlers geschlüpft, dem das Finderglück hold war. So schrieb er in einem seiner Telegramme an die Archäologische Gesellschaft in Berlin, daß ein Löwentorso gefunden wurde, „bedeutend mächtiger und größer als die vom Tor von Mykenae“. Und weiter über die gesamte Tempelanlage: „Man neigt hier in griechischen Kreisen der Annahme zu, daß man es mit dem gewaltigsten Bauwerk zu tun hat, das je in Griechenland gestanden“. Auch hier schien der Wunsch Vater des Gedanken. Aber mit Superlativen durfte nicht geizen, wer sich auf Schliemanns Spuren wähnte.

Neben der Begeisterung für den Mythos Schliemann gibt auch der Kaiser selbst einige Fingerzeige, weshalb ihn „das Archäologenfieber“ bisweilen mächtig packte. So scheint das Moment innerer Spannung angesichts zu erwartender Funde eine bedeutende Rolle gespielt zu haben, denn Ausgrabungsarbeiten fand er „so spannend wie die Pürsche auf einen Zwanzigender“. Dabei kam es ihm nachträglich besonders darauf an, hervorzuheben, mit welchem „Ernst“ und mit welcher „Gründlichkeit“ die „Arbeiten betrieben und für die Wissenschaft verwertet wurden und wie intensiv“ er sich „dieser Arbeit hingab“.

Ein anderer Aspekt seiner Begeisterung für die klassische Antike entsprang der Überzeugung, dass sie Beispiel sei für die Weltgeltung, die der Hohenzollerndynastie seiner Auffassung nach historisch zukäme. Besonders deutlich kam dies in einer Rede anlässlich der Grundsteinlegung zum Wiederaufbau des Saalburgkastells zum Ausdruck, wo er für das Deutsche Reich im Rückgriff auf das römische Kaiserreich eine vergleichbare Weltmachtstellung reklamierte.

Solche Aussagen, denen im In- und Ausland mit Bestürzung, harscher Kritik oder beißendem Spott begegnet wurde, machten deutlich, daß der Rekurs auf lange vergangene Zeiten einen Anspruch des Kaisers unterstreichen sollte, der in krassem Widerspruch stand zu den drohenden Neuerungen im politischen und sozialen Leben. Ganz in diesem Sinne hat man auch die historisierenden Aufzüge, die der Kaiser so schätzte, zu verstehen. Seine Vorliebe für Kostümierungen und Uniformen muten rückblickend fast schon als verzweifeltes Bemühen an, die tatsächlichen Verhältnisse nicht wahrnehmen, ja geradezu negieren zu wollen.

Der Soziologe Norbert Elias schreibt in seiner Arbeit ‚Die höfische Gesellschaft‘, die Kunst – und darin eingeschlossen könnte man ergänzen, die Archäologie – diene „nicht selten als gesellschaftliche Enklave des Rückzugs für politisch Besiegte oder vom politischen Handeln Abgeschnittene. Hier, im Gestalt gewordenen Tagtraum, kann man noch den eigenen Idealen nachgehen, selbst wenn die harte Wirklichkeit ihnen den Sieg verwehrt.“

Mit Blick auf die Archäologiebegeisterung Wilhelms II., scheint dies auch in vollem Umfang für den letzten deutschen Kaiser zu gelten – nicht erst in seinem niederländischen Exil in Haus Doorn.

Infobox:

Veröffentlichungen Wilhelms II. zur Altertumskunde

- Vergleichende Geschichtstabellen von 1878-1914 (Berlin 1921).

- Erinnerungen an Korfu (Berlin/Leipzig 1924).

- Das Wesen der Kultur. Vortrag (1931).

- Studien zu Gorgo (Berlin 1936).

- Das Königtum im alten Mesopotamien (Leipzig 1936).

- Vergleichende Zeittafeln der Vor-und Frühgeschichte Vorderasiens, Ägyptens und der Mittelmeerländer (Leipzig 1936).

- Ursprung und Anwendung des Baldachins (Amsterdam 1939).


Lebensdaten

Geb. 1859 als Prinz Friedrich Wilhelm, Sohn des Kronprinzen Friedrich Wilhelm, späteren Kaiser Friedrich III. und Victoria, Princess Royal of England. 1881 Heirat mit Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, mit der er sieben Kinder hat. Nach nur 99-tägiger Regierungszeit stirbt sein Vater Friedrich III. Am 15. Juni 1888 folgt ihm sein Sohn Wilhelm II. auf dem Thron als Deutscher Kaiser und König von Preußen.

Die Regierungszeit vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist geprägt von etlichen internationalen Krisen, die Wilhelm II. häufig durch martialische (‚Hunnenrede‘) oder gegen europäische Großmächte gerichtete (‚Krügerdepesche‘, ‚Daily-Telegraph-Affäre‘) Äußerungen provoziert. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs verliert der Kaiser zunehmend an Einfluß. Am 9.11.1918 verkündet Prinz Max von Baden die Abdankung des Kaisers. Wilhelm II. flieht in die Niederlande, wo er bis zu seinem Tode am 4.6.1941 in Haus Doorn lebt.